Fortgeschrittene Stufe

A.1) Ökosystemleistungen und ihr Zusammenhang mit Biodiversität und menschlichen Tätigkeiten

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Lernziele

  • Erwerb von Wissen über die Wechselwirkungen zwischen Ökosystemleistungen und damit verbundenen Einflussfaktoren, wie z.B. Biodiversität.
  • Annäherung an das Konzept der ökonomischen Bewertung des Nutzens von Ökosystemleistungen

Die Rolle der Biodiversität im Konzept der Ökosystemleistungen

Der Begriff “Biodiversität” umfasst die biologische Vielfalt auf der Ebene der Gene, Arten und Ökosysteme, die sich auch in Anzahl, Häufigkeit, Vielfalt und räumlicher Verteilung dieser Ebenen ausdrückt.

Die biologische Vielfalt spielt eine besondere Rolle bei der Existenz und langfristigen Erhaltung von Ökosystemfunktionen, die für die Bereitstellung von Ökosystemleistungen von zentraler Bedeutung sind.

Daher trägt die Biodiversität sicherlich zur Generierung von Ökosystemleistungen bei, und es lassen sich vielfältige Zusammenhänge beobachten. Hier genannte Beispiele umfassen:

  • Artenvielfalt der Bodenorganismen, die die Bodenfruchtbarkeit beeinflussen (oft nach Schlüsselarten)
  • Die Vielfalt von Pflanzenarten von Grasland wirken sich auf die darüber wachsenden Biomassenpflanzen aus, verringern das Risiko von Mineralstoffmangel oder Toxizität für Rinder und erhöhen die Biomassenaufnahme von Schafen (Isbell et al. 2011).
  • Der Artenreichtum kann direkten Einfluss auf kulturelle Leistungen wie Inspirationen oder spirituelle Erfahrungen haben und die Bedeutsamkeit des Lebens erkennen lassen.

Aufgrund komplexer Interaktionen bleibt der konkrete “Zusammenhang zwischen Biodiversität und Ökosystemleistungen für die meisten Ökosystemleistungen jedoch noch unbekannt. Für diejenigen, die bekannt sind, ist der Zusammenhang sehr variabel und kann positiv, negativ oder nichtlinear sein.

In einigen Konzepten wie dem TEEB-Ansatz (TEEB 2010a) wird Biodiversität explizit in der Kategorie “Habitatleistungen” genannt und als eigene Ökosystemleistung betrachtet. Der TEEB-Ansatz nennt daher die Erhaltung der genetischen Vielfalt als eine der Hauptleistungen.

Eine andere Auffassung ist, dass die biologische Vielfalt eine Quelle für andere Ökosystemleistungen darstellt. Insbesondere für Regulierungsleistungen und kulturelle Leistungen, wie das Wohlbefinden durch die Erfahrung von Wildtieren oder das Wohlbefinden durch das Wissen zur Existenz bestimmter Arten. Diese unterschiedlichen Auffassungen haben zu umfangreichen Fachdiskussionen geführt.

Im Rahmen des AlpES-Ansatzes wird die Biodiversität als ein Faktor betrachtet, der zur Erzeugung von Ökosystemleistungen beiträgt und gleichzeitig auch als ein Produkt der Ökosystemleistungen auftritt (z.B. Versorgung durch spezifische Lebensraumbedingungen). Biodiversität wird aber nicht als Ökosystemleistung betrachtet.

Das Konzept der Ökosystemleistungen

Biotische und abiotische Leistungen und Koproduktion von Ökosystemleistungen

Ökosystemleistungen sind per Definition mit biotischen Prozessen in Ökosystemen und deren Beitrag zum menschlichen Wohlbefinden verbunden. Es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber, inwieweit biotische Prozesse zu Ökosystemleistungen beitragen: Einige argumentieren, dass nur Leistungen, die auf lebenden Prozessen basieren, als Ökosystemleistungen betrachtet werden können, während andere argumentieren, dass Ökosysteme immer aus abiotischen und biotischen Komponenten bestehen und es nicht möglich wäre, klar zwischen dem Beitrag abiotischer und biotischer Komponenten zum Ökosystemdienst zu unterscheiden. Darüber hinaus gibt es abiotische Produkte, die auf biotischen Prozessen basieren, wie fossile Brennstoffe, aber auch Gesteine und natürliche Materialien, die durch biotische Prozesse wie Kalkstein, Sand oder Salz entstehen. Daher wird die Meinung geäußert, auch abiotische Leistungen als Ökosystemleistungen einzubeziehen.

Das CICES-System beschränkt sich auf diejenigen Ökosystemleistungen, die von biotischen Prozessen abhängen oder damit in Zusammenhang stehen, erkennt aber an, dass dies ein Kompromiss ist und dass abiotische Ökosystemleistungen in einem ähnlichen Klassifizierungssystem behandelt werden sollten. Für ein solches Klassifizierungssystem ist in der vorliegenden Version des CICES-Systems eine erste Struktur vorgesehen. Das Hauptziel von AlpES ist es, die Entwicklung einer regionalen Umweltpolitik mit dem Ansatz der Ökosystemleistungen zu unterstützen. In der praktischen Anwendung des Umweltmanagements und der Landschaftplanung spielen auch abiotische Leistungen von Ökosystemen eine wichtige Rolle, wie z.B. Auswirkungen und Raum für Windkraftanlagen, Photovoltaikanlagen und den Abbau von Bodenschätzen. Insbesondere im Alpenraum spielen einige dieser abiotischen Leistungen eine wichtige Rolle, wie die Wasserkraft, die Gewinnung von Salz und verschiedenen Gesteinen sowie die Erholungserlebnisse beim Erkunden von Höhlen oder dem Felsklettern.  Im Rahmen des AlpES-Projekts wird der allgemeine Ansatz daher abiotische Leistungen Seite an Seite mit biotischen Leistungen akzeptieren, indem er sie ausdrücklich nicht als Ökosystemleistungen, sondern als “Umweltleistungen” bezeichnet. Das Projekt AlpES wird vorerst keine abiotischen Ergebnisse bewerten oder abbilden. Innerhalb des AlpES-Projekts gibt es unterschiedliche Meinungen:  Abiotische Leistungen von Ökosystemleistungen werden als abiotische Leistungen des natürlichen Kapitals betrachtet, nicht aber als eigene Ökosystemleistungen aus Sicht des Ökosystems. Andere Meinungen akzeptieren diese Ergebnisse als Güter und Leistungen aus Ökosystemen.

Menschliches und produziertes Kapital

Beim Verständnis von Ökosystemleistungen stellt sich auch die Frage, inwieweit der menschliche Einfluss bei der Messung von Ökosystemleistungen berücksichtigt werden muss. Der Einsatz von menschlicher Arbeit, fossiler Energie, Chemikalien und technischem Input trägt zur Erzeugung von Ökosystemgütern und Nutzen bei. Aber sie sind nicht Teil der Leistung des Ökosystems. Dies bedeutet, dass das Produkt durch exklusive Leistung der Natur und ohne menschlichen Beitrag entstanden ist.

Dies wird vor allem dann relevant, wenn es um die Erbringung von Leistungen geht, die weiterverarbeitet werden mussen, wie z.B. landwirtschaftliche Produkte aus der Intensivproduktion. Doch auch wenn natürliche Leistungen teilweise durch Zutun überlagert wird, bleiben doch ökologische Beiträge, wie Boden- und Klimafunktionen und alle unterstützenden Leistungen die zur Versorgung von Ökosystemleistungen beitragen, unverzichtbar.

Viele Ökosystemleistungen werden als Kombination aus Naturkapital (Versorgung durch Ökosysteme) und verschiedenen Arten von nicht-natürlichem Kapital wie Sozial-, Human-, Finanz- oder Technologiekapital produziert. Diese koproduzierten Leistungen können immer noch als Ökosystemleistungen betrachtet werden. Manche Wissenschaftler gehen sogar darüber hinaus und fordern die Verantwortung für eine ausgewogene Koproduktion von Ökosystemleistungen durch den Menschen.

Zur Kennzeichnung dieser Unterschiede wurde der Begriff “Agrarsystemdienste” eingeführt. Aus Sicht von AlpES könnte dies jedoch zu einer gewissen terminologischen Verwirrung führen, da dann auch “Waldsystemdienste”, “Wassersystemdienste” oder “Urbane Systemdienste” eingeführt werden könnten. Andererseits umfassen die Ökosystemleistungen, die als weniger oder sogar ohne menschlichen Einfluss erbracht werden, wie die Jagd, das Fischen oder das Sammeln von Pilzen, auch einige technische Inputs (z.B. Gewehre, Angelruten) und menschliche Arbeit (Gehen, Pflücken).

Im Rahmen des AlpES-Ansatzes wird der Begriff Ökosystemleistungen bevorzugt beibehalten, und es gibt keinen Ausschluss von Nutzen aus Ökosystemleistungen. Es werden aber auch menschliche und produzierte Kapitalinputs angegeben, um das Bewusstsein dafür zu schärfen, wo Unsicherheiten bei der Messung von Ökosystemleistungen auftreten.

Die Rolle der ökonomischen Bewertung

Die ökonomische Bewertung von Ökosystemleistungen ist ein beliebtes Thema, das auf ihrer physischen Bewertung basiert. Es gibt eine Vielzahl von ökonomischen Werttypen und Bewertungsmethoden, die sorgfältig unterschieden werden müssen. Die Grundidee ist, dass sich ein theoretischer Total Economic Value (TEV) aus verschiedenen Arten von Werten zusammensetzt.
Zur Bewertung dieser Werte stehen verschiedene Methoden zur Verfügung. Häufig berücksichtigen die Nutzungswerte nicht alle Bestandteile eines Wertes oder sind nicht umfassend. Außerdem ist es schwierig, Nichtnutzungswerte für nicht vermarktete Güter zu erhalten. Einige Methoden zur Bewertung der Preise sind:

  • Marktwert: Wenn die Güter oder Leistungen der Ökosystemleistungen gleich oder sehr ähnlich sind, wie denjenigen, die auf Märkten gehandelt werden, verwendet die Bewertung Marktpreise als Werte. Zum Beispiel können Marktpreise für Holz, Hirsch, Fisch oder Obst verwendet werden;
  • Hedonische Preisgestaltung: Die Nutzung von Ökosystemleistungen kann sich in den Mietpreisen für Wohnungen widerspiegeln. Wohnen im Grünen ist oft teurer, da die Menschen lieber in der Nähe von Grünflächen wohnen und dafür höhere Mieten zahlen.
  • Kontingente Bewertung: Insbesondere bei Vermächtniswerten, Existenzwerten und Optionswerten ist es nahezu unmöglich, real existierende Preise zu ermitteln. Deshalb wird in Fragebögen die “Zahlungsbereitschaft” bzw. “Akzeptanzbereitschaft” ausgewählter Personen analysiert und gefragt, wie viel Menschen beispielsweise für die Erhaltung einer seltenen Spezies oder eines gefährdeten Lebensraumes ausgeben oder wie viel sie für die Genehmigung einer Verwandlung der Landschaft verlangen würden. In Multiple-Choice-Analysen werden verschiedene Alternativen gefordert;
  • Reisekosten: Der Wunsch von Menschen, schöne Landschaften oder Erholungsgebiete zu besuchen, spiegelt sich auch in den Preisen und der Zeit wider, die sie für Reisen zu diesen Zielen aufwenden.

Innerhalb der TEEB-Datenbank wird eine weltweite Sammlung von Fallstudien für ökonomische Bewertungen zusammengestellt, die auch ökonomische Werte für Ökosystemleistungen in verschiedenen Biomen liefert. Der tatsächliche Wert hängt jedoch immer von den regionalen und lokalen Gegebenheiten ab. Aus diesem Grund ist es schwierig, die Werte dieser Datenbank auf andere Gebiete zu übertragen, ohne die regionalen und lokalen Gegebenheiten zu kennen.

Generell gibt es eine heftige Debatte über den Nutzen der ökonomischen Bewertung von Ökosystemleistungen, die sich sowohl auf grundlegende als auch auf methodische Fragen stützt: Grundsätzlich wird argumentiert, dass es viele Werte von Ökosystemleistungen und insbesondere von kulturellen Leistungen gibt, die durch eine ökonomische Bewertung nicht oder nur schwer zugänglich sind. Andererseits wird argumentiert, dass es bei der ökonomischen Bewertung – im idealen Markt – um Präferenzen und Entscheidungen geht. Wir können es nicht vermeiden, Entscheidungen zu treffen, und wir nutzen unsere persönlichen Vorlieben, um Entscheidungen über unser tägliches Leben zu treffen. Daher wäre die Wahl entweder diese Präferenzen zu ignorieren oder die Menschen zu zwingen, sie durch eine Preisauszeichnung für Ökosystemleistungen sichtbar zu machen. Zumindest kann man davon ausgehen, dass uns die ökonomische Bewertung bewusstmacht, wie wichtig Ökosystemleistungen als Wirtschaftsfaktor sind, die häufig nicht erkannt und bei der Entscheidungsfindung nicht berücksichtigt wirden.

Methodisch führt das breite Spektrum an Methoden zur Berechnung des ökonomischen Wertes von Ökosystemleistungen zu einer hohen Vielfalt an unterschiedlichen Werten. Auch die Frage der klaren Abgrenzung der finalen Leistungen  wird relevant (um Doppelzählungen zu vermeiden), aber es ist unbestreitbar, dass Bündel von Ökosystemleistungen immer an der gleichen Stelle erbracht werden und betroffen sind, wenn Änderungen in der Landnutzung auftreten oder es zu anderen Auswirkungen kommt. Die ökonomische Bewertung bedeutet also nicht automatisch, dass solche Werte die Entscheidungsfindung erleichtern. Es könnte sich jedoch herausstellen, dass die ökonomische Bewertung auch eine schwierige Entscheidungsgrundlage sein kann, wenn Menschen andere Werte für Ökosystemleistungen wählen und darüber diskutieren. Außerdem sind die ökonomischen Werte der Wirtschaftstätigkeiten (Investitionskosten, Produktionskosten, Einnahmen usw.) oft sehr unzuverlässig, was bei der Entscheidungsfindung auf der Grundlage von ökonomischen Bewertungen berücksichtigt werden sollte.